Die Wochen vor Karfreitag und Ostern werden in der christlichen Tradition „Passionszeit“ genannt – eine Zeit des Innehaltens, der Besinnung und der Vorbereitung. „Passion“ bedeutet ursprünglich Leiden (vom lateinischen passio), verweist also auf das Leiden und Sterben Jesu Christi. Doch der Begriff hat zugleich eine doppelte Bedeutung: Er bezeichnet nicht nur das, was jemand leidet, sondern auch das, wofür jemand lebt – seine Leidenschaft, seine Hingabe, seine Begeisterung. Diese doppelte Bedeutung lädt zu einer persönlichen Frage ein: Was ist meine Passion?
Leiden und Leidenschaft – zwei Seiten einer Medaille
In Christus begegnen wir beidem: Er leidet aus Liebe. Seine Passion ist das Kreuz – aber auch die Menschen, für die er sein Leben hingibt. In diesem Licht bekommt auch unser Leiden einen Sinn, wenn es aus Liebe geschieht. Die Passion Christi ist also kein bloßes Opfergeschehen, sondern ein Weg der Hingabe, der in das Leben führt – in die Auferstehung hinein.
Wenn wir in der Passionszeit fragen „Was ist meine Passion?“, dann geht es nicht zuerst um etwas, das uns Spaß macht, sondern vielmehr um das, was uns wirklich bewegt. Vielleicht entdecken wir, dass unsere Passion sich dort offenbart, wo wir mit dem ganzen Herzen beteiligt sind – auch da, wo es weh tut.
Die Passionszeit ruft uns auch dazu auf, die eigene Lebensrichtung zu prüfen:
Wofür lebe ich?
Was ist mir so wichtig, dass ich dafür Zeit, Kraft oder sogar Schmerz in Kauf nehme?
Wo vermeide ich Leid um jeden Preis
und verhindere damit vielleicht Wachstum oder echte Begegnung?
Wo erkenne ich in meinem Leben die Spuren des Kreuzes
und vielleicht auch schon die leisen Anfänge der Auferstehung?
Diese Fragen laden dazu ein, das eigene Herz mit dem Herzen Christi zu vergleichen:
Sein Weg war kein bequemer, aber ein wahrhaftiger. Ihm nachzufolgen heißt, das eigene Leben immer wieder in diese Bewegung hineinnehmen zu lassen:
von der Angst hin zum Vertrauen.
Ein Weg der Verwandlung
Man könnte sagen: Die Passionszeit ist eine Schule des Herzens.
Wer sich auf sie einlässt, erlebt nicht nur Rückzug und Verzicht, sondern Klärung und Vertiefung. Sie führt vom Nachdenken über das eigene Leben hin zu einem tieferen Verständnis für das, was Gott mit den Menschen, die an ihn glauben, vorhat: Erlösung, Erneuerung, Leben in einer neuen Welt.
So wird aus der Passion kein düsteres Gedenken vergangener Leiden, sondern eine Einladung, das eigene Leben mit all seinem Schmerz und seiner Sehnsucht in das göttliche Leid und die göttliche Liebe hineinzulegen.
„Was ist meine Passion?“
Unsere Passion ist das, was uns mit Christus verbindet – im Kreuz und in der Auferstehung: Liebe, Vertrauen, Hoffnung.