Christi Himmelfahrt wirkt auf den ersten Blick wie ein Abschied. Jesus entzieht sich dem unmittelbaren Zugriff, steigt auf – und lässt seine Jüngerinnen und Jünger zurück. Und vielleicht fühlen wir uns manchmal ähnlich: zurückgelassen in einer Welt, die uns zunehmend herausfordert, verunsichert oder überfordert. Unsere Gegenwart ist geprägt von großen Fragen: Kriege und Gewalt rücken näher, auch deren Auswirkungen führen zu gesellschaftlichen Gräben, die immer tiefer werden, der Umgangston wird rauer. Viele Menschen sorgen sich um ihre Zukunft, um ihre Arbeit, um den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Auch die rasante technologische Entwicklung – etwa durch künstliche Intelligenz – wirft neue ethische Fragen auf: Was macht den Menschen aus? Wo bleibt Raum für Mitgefühl, Verantwortung und Würde? Genau in diese Welt hinein fällt das Fest der Himmelfahrt.
Die biblische Geschichte macht deutlich: Jesus verlässt die Erde nicht, um sich von ihr abzuwenden. Seine Himmelfahrt ist kein Rückzug, sondern eine neue Art der Nähe. Er ist nicht länger an einen Ort gebunden, nicht begrenzt an Zeit und Raum. Er geht – damit seine Gegenwart überall erfahrbar werden kann. (vgl. Matthäus 28,20 „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“).
Den Jüngern sagte er nicht: „Zieht euch zurück“. Er sagte: „Ihr werdet Zeugen sein“ (vgl. Apostelgeschichte 1,8„Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“).
Himmelfahrt richtet den Blick nach oben – aber fordert uns zugleich auf, mit beiden Füßen fest auf der Erde zu stehen. Christlicher Glaube bedeutet nicht Weltflucht, sondern Weltverantwortung. Gerade weil Christus „aufgehoben“ ist bei Gott, traut er uns zu, in dieser Welt zu handeln: tröstend, verbindend, hoffnungsvoll.
In einer Zeit, in der viele laut werden, braucht es Menschen, die zuhören.
In einer Zeit, in der Unsicherheit wächst, braucht es Vertrauen.
In einer Zeit, in der manches auseinanderdriftet, braucht es Gemeinschaft.
Himmelfahrt erinnert uns daran: Christus regiert nicht durch Macht, sondern durch Liebe.
Und diese Liebe sucht Hände, Stimmen und Herzen – bei uns.
Ein Leitgedanke dazu:
Den Blick immer wieder zu heben, um nicht mutlos zu werden.
Und dann den Blick zu wenden – hin zu den Menschen neben uns, zu dem, was hier und jetzt unsere Aufmerksamkeit braucht.
Denn zwischen Himmel und Erde geschieht Glaube.
Und mitten in dieser Welt ist Gott uns näher, als wir denken.
Text und Bild Anette Lörcher